Pazifismus – Begriff mit vielen Möglichkeiten

Der Begriff Pazifismus ist meist mit einem recht eindimensionalen, wenig differenzierten Bild verbunden, das mit einem sehr ungenauen Verständnis der Bedeutung einhergeht. So wirft der Begriff PazifistIn und Pazifismus zunächst verschiedene gesellschaftliche Klichees auf:

EinE PazifistIn ist jemand, der/die denkt, dass alles mit Worten geregelt werden kann oder von alleine funktioniert. EinE PazifistIn ist ein Hippie, der/die in der Zeit stehen geblieben und zu idealistisch ist um von der Realität etwas mitzubekommen. EinE PazifistIn ist jemand, der/die keine Lösung für die aktuellen Probleme und Konflikte bieten kann, der/die eine Gegeneinstellung hat, aber kein Gegenkonzept.

Pazifismus ist jedoch durchaus kein starrer Begriff und obgleich wie in jedem Klichee auch vielleicht in dem Aufgezeigten ein Teil des Bedeutungs-Spektrums liegt, steht das Wort Pazifismus zunächst für ein Konzept, das über die Jahre unterschiedlichst gedeutet und ausgelebt wurde.

Der Begriff des Pazifismus stammt dabei aus der im Zuge der Französischen Revolution entstandenen bürgerlich-liberalen Emanzipationsbewegung und wurde vom französischen Schriftsteller Emile Arnaud 1901 in einer belgischen Tageszeitung erstmals erwähnt. Dabei verwendete er Pazifismus sinngemäß für „Friedensbewegung“, womit er aber nicht die konsequente und unbedingte Abkehr von Gewalt meinte sondern nur das Bestreben Konflikte zwischen Staaten gewaltfrei lösen zu können. Die Anfänge des Begriffes Pazifismus stehen also keineswegs nur für das heute damit verbundene Ideal, das vor allem den später als einflussreichsten Vertretern des Pazifismus Bekannten- Mahatma Ghandi, Nelson Mandela und Jesus von Nazareth- zugeschrieben wird.

Dabei gilt wohl vor allem Ghandi als der Vertreter, der den Begriff am entscheidensten weiterentwickelt und geprägt hat. Ghandis Theorie des gewaltfreien Widerstandes beruht dabei aber weniger auf dem Prinzip der Gewaltlosigkeit allein; Für ihn steht vor allem das „Satyagraha“, übersetzt mit „Gütekraft“ im Mittelpunkt- Ein Streben nach der Kraft der Wahrheit und Liebe. Gleichsam war für Ghandi gewaltfreie Handlung nicht nur Tat an sich sondern sollte eine Lebenshaltung darstellen. Pazifismus also als ganzheitliches Konzept, das weniger auf einen bestimmten Ausgang bedacht ist sondern vielmehr den Menschen an sich als ein friedliches Lebewesen gestaltet.

Diese Pazifismus-Interpretation weicht mit ihrem allumfassenden Charakter und ihrer wenig ausgangsorientierten Grundhaltung in hohem Maße von der in der Entstehung des Begriffs verankerten Verständnisweise ab.

Pazifismus auf einen Begriff zu reduzieren, nur eine Interpretation zuzulassen, ist also nahezu unmöglich. Um dennoch die Frage beantworten zu können, ob Pazifismus noch zeitgemäß, noch umsetzbar und ein ernstzunehmendes Konzept ist, kann aber auch die entgegengesetzte Seite beleuchtet werden. Frieden beinhaltet schließlich stets die Abwesenheit von Krieg, eine Betrachtung desselben kann also durchaus zu einem differenzierterem Friedensverständnis beitragen.

Die Kriege haben sich verändert

Art und Charakter kriegerischer Konflikte haben sich nach Ghandis Schaffen, in der Periode nach dem zweiten Weltkrieg, in ihrem Wesen gewandelt. Statistisch nachgewiesen sind Kriege bei der die eine Partei gewinnt wesentlich seltener geworden, gleichsam stieg die Zahl der „Verhandlungsfrieden“ und der kriegerischen Zwischenphasen, die zu keinem friedlichen Ergebnis kommen.

Gleichzeitig hat auch der Umgang und die Auseinandersetzung mit Krieg eine neue Dimension erfahren: Mit der Gründung der Vereinten Nationen haben kriegerische Konflikte eine internationale Öffentlichkeit gefunden und gleichsam eine friedenspolitische Dimension, die mehr und mehr darauf abzielt, Kriege nicht unbedingt mit dem Gewinn der einen Partei enden zu lassen.

Auch das Bewusstsein für den Nachkriegs – Umgang hat sich grundlegend geändert und ist zu einer Art „Demokratiesierungs – Verständnis“ geworden. Dieses entstand vor allem durch das immer größere Vertrauen in den Friedenscharakter der Demokratien untereinander und dem Glauben, durch Einrichtung von Demokratien längerfristige Krisenprävention institutionell in den Konfliktgegenden verankern zu können.

Damit finden sich natürlich auch neue Probleme für dauerhaften Frieden und ebenso neue Schwierigkeiten für die Etablierung eines dauerhaften Pazifismus – Verständnis:

Zum einen ist ein gegenseitiges Einverständnis der (ehemaligen) Konfliktparteien natürlich kein Automatismus, zumal der Verlierer der Wahlen das Ergebnis nicht immer anzuerkennen bereit ist. Gleichsam entsteht durch die sofortige Demokratisierung mittels Wahlen oft ein entscheidender Nachteil für nicht in den Konflikt involvierte Interessenparteien: Diese sind durch den vorangegangen Konflikt nicht so gut mobilisiert und daher benachteiligt, dies gilt insbesondere für zivilgesellschaftliche Interessengruppen.
Ein weiteres Problem ist das meist mangelnde Interesse an der Aufarbeitung der Vergangenheit seitens der Konfliktparteien, welche aber unbedingte Vorraussetzung für einen gesellschaftlichen Friedensprozess sein muss und gerade für den längerfristigen Erhalt des Friedens unabdingbar ist. Solch eine Aufarbeitung gezielt zu fördern ist dabei ein Projekt, das mit größter Achtsamkeit angeleitet werden muss, da die Gefahr eines erneuten Ausbrechens des Konfliktes in vielen Fällen durchaus gegeben ist.

Pazifismus zeitgemäß interpretieren

Einen modernen Pazifismus, der auch umsetzbar ist, zu definieren scheint anhand der vielfältigen Konflikte und der komplexen Probleme, die damit einhergehen, sehr schwierig. Das moderne Pazifismus- Verständnis muss daher genau hier angreifen und eine spannbreite von verschiedenen Möglichkeiten auf unterschiedlichsten Ebenen unter sich vereinen: Eine Art Pazifismus-Mosaik, das es möglich macht, in verschiedenen Stadien von kriegerischen Konflikten einzugreifen, diese zu verhindern und ihnen mit nachhaltigen Maßnahmen die Grundlagen zu entziehen.

Ein Hauptaugenmerk muss dabei immer auf der Kriegsprävention liegen. Um eine friedliche Grundlage in einer Region zu schaffen, müssen alle Interessengruppen in dieser Region ernst genommen, unterstützt und miteinander in ein demokratisches Verhältnis gesetzt werden. Das gilt insbesondere für Regionen, in denen kriegerische Zustände zwar noch nicht ausgebrochen sind, dennoch aber ein großes Konfliktpotential besteht. Gerade der oft ökonomische Grund für den Ausbruch eines Krieges lässt darauf schließen, dass unsere Bemühungen für eine friedliche Wirtschaftsordnung noch mehr unterstützt werden müssen. Eine gerechte Weltwirtschaft zu etablieren ist gewiss nicht nur Ziel von Friedenspolitik und auch wohl ein Ideal, dass, solange die westlichen Länder ihre Verantwortung nicht in vollstem Maße anerkennen (und danach handeln), noch im Bereich der Utopie angesiedelt ist. Dennoch muss gesagt werden, dass gerade solche fundamentalen Ziele auch jene sind, die erst einen wirkliche Pazifismus möglich machen und somit grundlegende Forderung des modernen Pazifismus sein müssen.

Ein weiterer Grundfeiler des modernen Pazifismus sollte eine radikale Umstrukturierung des Krieg-und-Friedens-Verständnisses sein. In den vergangenen Jahren ist die Lösung von Konflikten mittels kriegerischer Eingriffe kein „letztes Mittel“ mehr sondern sofortiger Konsens zur schnellen Behebung von Krisen geworden: Gewalt als legitimes Mittel, gerade zum Eingreifen in Konflikte anderer Interessenparteien, wird nicht mehr hinterfragt.
Dazu kommt ein Phänomen, das als echtes Kriegs-Dilemma in der Öffentlichkeit bezeichnet werden kann:

Viele Konfliktpotentiale, die erst durch einen militärischen Einsatz zu stande gekommen sind, lassen eine weitere Vorgehensweise mit zivilen Aufbaumöglichkeiten und ganz ohne Militär scheinbar unmöglich erscheinen: Militär wird wegen einer vorangegangenen militärischen Grundsturkur nötig – „Gewalt erzeugt noch mehr Gewalt“. Ein echtes Paradoxon.
Auf solch einer Verständnis – Grundlage kann ein echtes Friedensverständnis ohne Gewalt kein Gehör finden.

Wir müssen den Einsatz von Militär und Gewalt auf allen Ebenen stets neu hinterfragen, die kritische Betrachtung desselben in der Schulerziehung bis hin zur Universitätsforschung stärker etablieren und in die obersten politischen Gremien tragen.
Allein schon die Veränderung der Debattenstruktur hin zu einer das Grundverständnis von Krieg und den Einsatz von Waffen stets hinterfragenden Diskussionskultur fördert ein wesentlich komplexeres Kriegs- und Friedensverständnis und kann so auch zur Weiterentwicklung pazifistisch-politischer Möglichkeiten beitragen.

Dabei muss auch ein größeres Augenmerk auf zivile Entwicklungs- und Konfliktlösungsinstrumente und damit Aufbau-Möglichkeiten gelegt werden. Hier müssen viel mehr Mittel und Wissen zielgerichtet investiert und die wenigen Organisationen, die bereits an präventiver und pazifistischer Krisenbewältigung arbeiten, unterstützt werden. Die bereits bestehende Infrastruktur für zivile Krisenbewältigung in Deutschland und weltweit kann dabei zwar die Grundlage bilden, es ist jedoch notwendig ihr mehr Anerkennung und Unterstützung zukommen zu lassen.

So ist der Rechtsstatus der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und somit die Aufgabenlegitimität noch immer ungeklärt. Dabei kann gerade eine Organisation wie die OSZE, die mit 56 Mitgliedstaaten bereits ein relativ großes Fundament besitzt, zu einer gelungenen Krisenprävention beitragen. Vor allem Deutschland hat gerade in den letzten zehn Jahren zunächst sehr vorbildlich begonnen, eine solche Infrastruktur aufzubauen: Die Gründung der Deutschen Stiftung Friedensforschung (DSF) durch die Bundesregierung 2000 ist zunächst ein guter Ansatz, Friedensforschung zu fördern.

Die Institutionalisierung des zivik-programms (Programm für ziviler Konfliktprävention) im Institut für Auslandskunde und damit die Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen bei- seit 2001- mehreren hundert Projekten, kann ebenso als Schritt in die richtige Richtung gewertet werden. Mit dem Zivilen Friedensdienst (ZFD) besteht außerdem eine Institution, die gezielt Projekte in prä- Konfliktgegenden unterstützt und somit bereits seit 1999 eine wichtige Arbeit leistet. Trotz solcher Anstrengungen reicht die bloße Einrichtung nicht, es muss eine stabilere Infrastruktur mit besseren Mitteln zur Verfügung gestellt werden.

So erhielt der ZFD im Jahre 2007 17 Millionen Euro, zwar eine beträchtliche Summe, aber verglichen mit den ungeheuren Ausgaben für die Auslandseinsätze der Bundeswehr -im Jahre 2007 wurden hier 910,7 Millionen Euro veranschlagt – eine geringe Summe. Zudem werden für militante Einsätze häufig leichter Mittel im größeren Umfang zur Verfügung gestellt, auch wenn ihre Effektivität äußerst fragwürdig ist: Allein der umstrittene Tornado-Einsatz kostete bisher 50 Mio Euro und selbst für die nie über Afghanistan eingesetzten Awacs-Flugzeuge wurden mehrere Millionen Euro veranschlagt. Geld, das für zivile Aufbaumöglichkeiten nicht verfügbar war.
Auch das zeigt, dass zivile Friedensprojekts-Möglichkeiten noch immer als zweit- Mittel gelten, nicht jedoch als wirkliche Alternative in die sich in größerem Umfang zu investieren lohnt.

Die bestehende Infrastruktur kann dennoch als Vorlage genutzt werden, um die bisherigen Bemühungen noch deutlich zu verstärken. Auch andere Tendenzen, wie etwa die Unterstützung des afrikanischen Netzwerkes Afrikanische Union mit 5,2 Mio Euro jährlich, müssen mehr in den Mittelpunkt gestellt und als sinnvolle Friedensprävention als unabdingbar anerkannt werden.

Die bisher erzielten Fortschritte Deutschlands dürfen nicht stagnieren, wir müssen auch Friedensforschung und Friedensprojekten eine größere Plattform geben und die Mittel, dies auch in den internationalen Raum hineinzutragen. Jenes wäre ein machbarer, nicht allzu großer Schritt, der aber nötig ist, um ein Umdenken auf allen Ebenen voranzutreiben.
Und um einen modernen Pazifismus zu gestalten- anders vielleicht als Ghandi ihn eins lebte – aber einen Pazifismus, der dem kriegsorientierten Denken das Feld nicht länger überlässt.

von Julia Rothenburg und Stefan Ziller

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