Eckhard Baumann ist seit Jahren der Vorsitzender des Vereins „Straßenkinder e.V.“. Der Verein betreibt seit April 2010 das „Kinder- und Jugendhaus Bolle“. Dort werden täglich bis zu 100 Kinder und Jugendliche betreut. Ziel ist dabei präventiv dafür zu arbeiten, dass Kinder erst gar nicht auf der Straße landen. Seine Arbeit für wohnungslose Kinder und Jugendliche wurde nun von Bundesarbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt. Neben ihm haben elf weitere Menschen, die sich gegen Kinderarmut und soziale Ausgrenzung oder für die soziale Integration Benachteiligter einsetzen, den Preis erhalten. Herzlichen Glückwunsch!

Bei einem Besuch im Rahmen er Aktion „Gemeinsam sind wir Berlin“ im November 2010 im Kinder- und Jugendhaus Bolle hatte ich Gelegenheit seine Arbeit und die Geschichte zu der erst im April 2010 gegründeten Einrichtung sowie die alltägliche Arbeit dort kennenzulernen.

Auf der Straße, um andere von der Straße zu holen

Auch ohne die vermutlich enorme Dunkelziffer miteinzubeziehen, leben rund 9.000 Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland zeitweise oder dauerhaft ohne festes Zuhause. Dies hängt eng mit dem wachsenden Phänomen der Kinderarmut zusammen, die sich später oft in Obdachlosigkeit äußert. Betroffen sind davon deutschlandweit rund 2,5 Millionen Kinder.

Seit den 90er Jahren gibt es das Projekt „Straßenkinder“ und aus anfänglicher Unterstützung in Einzelfällen und einer ersten Beratungs- und Anlaufstelle in der Gedächtniskirche, um hilfebedürftige Obdachlose und Drogenabhängige zu erreichen, ist seit 2000 ein gut organisierter Verein geworden, der sich unterschiedlichen Aufgaben widmet. Ein wichtiger Bestandteil der Vereinsarbeit ist der Bereich Streetwork. Unterwegs mit einem mobilen Jugendberatungsfahrzeug an den einschlägigen Plätzen wird warmes Essen ausgeteilt, Hilfe mit Behörden angeboten und die jungen Menschen ermutigt, weiteren Kontakt mit der Beratungsstelle zu halten.

Eckhard Baumann merkt man den engen Bezug zu seinen Schützlingen an, wenn er über sie erzählt. Trotzdem gilt es bei aller Nähe, nicht als Ersatzfamilie aufzutreten. Bei einem Besuch im November 2010 im Kinder- und Jugendhaus Bolle in der Hohensaatener Straße 20 erzählt Baumann über die Geschichte der erst im April 2010 gegründeten Einrichtung und die alltägliche Arbeit dort. Vormittags sind noch kaum Jugendliche dort, die meistens trudeln erst nachmittags ein. Herausgebildet hat sich eine kleine Stammgruppe, die hier einen festen Bezugspunkt gefunden hat, auch wenn öfter mal neue Kinder dazukommen oder alte wegziehen. Für viele bietet das Zentrum einen wichtigen Ausgleich zu problematischen Verhältnissen zu Hause oder bei Ängsten, zum Beispiel nach körperlicher Gewalt wieder zu den Eltern in die Wohnung zu gehen. Bis zu 70% der unter 18-Jährigen im Umfeld der Jugendeinrichtung sind auf Hartz IV angewiesen. Bereits Kinder der 1. Klasse gehen teilweise nur selten in den Unterricht.

Eine warme Mahlzeit am Tag für alle

Im Haus Bolle gibt es Aufenthalts- und Essensräume, ein kleines Bücherzimmer, in dem es auch Hilfe bei Hausaufgaben gibt und sogar einen Bandraum, in dem verschiedene Instrumente stehen und in dem für die, denen es gelingt regelmäßig dabeizusein, Unterricht am Schlagzeug oder der E-Gitarre angeboten wird. Die Wände sind bunt bemalt oder mit Photocollagen von gemeinsamen Aktivitäten beklebt. Dazu gehören zum Beispiel das Arbeiten im eigenen Gemüsegarten, Interviewprojekte oder Feste, die veranstaltet werden. Draußen bietet eine Wiese und improvisierte Tore Platz zum Fußballspielen. Sogar eine Toberaum gibt es, in dem die Kids überschüssige Energie loswerden und mal so richtig rangeln können. Baumann wirkt wie ein großer Bruder, wenn er erzählt, wie er mit den Kleinen und Großen Kissenschlacht macht. Trotzdem gibt es klare Regeln bei Bolle. Dazu gehört zum Beispiel ein faires Verhalten allen anderen gegenüber. Angeboten werden auch präventive Maßnahmen gegen Gewalt und eine Sozial- und Rechtsberatung speziell für Kinder- und Jugendliche.

Mit Spenden hält sich der Verein über Wasser und ist recht zuversichtlich, auch in den nächsten Jahren noch die so wichtige Arbeit auf der Straße und mit dem Kindern und Jugendlichen weiterführen zu können. Dazu Bedarf es Unterstützung von vielen Seiten – Unterstützung von politischer Seite, soziale Aufgaben nicht allein Ehrenamtlichen zu überlassen und finanzieller Unterstützung. Die Vergabe des Bundesverdienstkreuz trägt im Idealfall dazu bei, die Aufmerksamkeit auf unterstützenswerte soziale Projekte wie „Straßenkinder e.V.“ zu lenken.