Da es in der Presse diverse Artikel zum Thema Grüne Position zum Gymnasium gab und dort viel mißverständliches geschrieben wurde, möchte ich an dieser Stelle die auf einem Landesparteitag (19. April 2008) beschlossene Position noch einmal darstellen. Alle als Zitat gekennzeichneten Texte sind aus dem Beschlusstext.

Auch wenn ich mir damals einen deutlicheren Beschluss in Richtung Gemeinschaftsschule gewünscht habe, so unterstütze ich diesen Kompromiss nachdrücklich. Junge Menschen haben den bestmöglichen Bildungserfolg verdient. Dabei müssen wir uns an den Spitzenleistungen anderer Länder orientieren. Gleich zum Beginn zur Frage der Gymnasien:

Wege zur Gemeinschaftsschule

„Wir wissen, dass der Weg zu dieser neuen, integrativen Schule tiefgreifende inhaltliche und strukturelle Veränderungen voraussetzt. Eine neue Lehr- und Lernkultur, zeitgemäß ausgebildete Lehrkräfte mit entsprechenden Fähigkeiten für eine integrative Pädagogik und die Überwindung des vielgliedrigen Schulsystems. Diese Veränderungen können nur umgesetzt werden, wenn sie von Eltern, LehrerInnen und SchülerInnen akzeptiert und getragen werden. Vertrauen in die Veränderungsprozesse ist hier entscheidend. Vertrauen, dass die neue Schule besser ist als unser vielgliedriges selektives Schulsystem mit Hauptschule, Realschule, Gesamtschule, Sonderschule und Gymnasium. An diesem Vertrauen fehlt es – noch.“ … „Der größte Widerstand gegen Reformen kommt aus den Gymnasien – eine Schulform, die sich in der Vergangenheit am wenigsten bewegt hat.“

„Mit dem Modellversuch: Gemeinschaftsschule hat der rot-rote Senat den Prozess zur Einführung der Gemeinschaftsschule als Schule für Alle in Berlin angestoßen. Die jetzt entstehenden Gemeinschaftsschulen sind ein Bestandteil des notwendigen Umbauprozesses des Berliner Schulsystems. Je erfolgreicher die Schulen des Modellversuchs sind, umso leichter wird es sein, die notwendige gesellschaftliche Umorientierung auf Schulen für Alle zu erreichen. Wir begrüßen daher jede Schule, die sich so auf den Weg macht, und wollen ihre Erfahrungen und Potentiale für den Umbau des Berliner Schulwesens nutzen.“

„Um aus den einzelnen Gemeinschaftsschulen ein flächendeckendes Angebot zu machen, wollen wir, dass ab einem bestimmten Stichtag in der kommenden Legislaturperiode die Haupt-, Real- und Gesamtschulen ohne Oberstufe, auslaufen. An ihrer Stelle entstehen neue Gemeinschaftsschulen, die alle pädagogischen Elemente, die jetzt in dem Modellversuch Gemeinschaftsschule vorgesehen sind, beinhalten. Sie sind Ganztagsschulen, die integrativ arbeiten und dem Prinzip der individuellen Förderung aller SchülerInnen verpflichtet sind.“

[Anmerkung: Daraus sind inzwischen die Sekundarschulen geworden. Die Umsetzung ist hier sicher noch verbesserungsfähig, aber die Richtung entspricht unserem Konzept!]

„Ebenfalls in der nächsten Legislaturperiode soll es die schulrechtliche Gleichstellung aller Schulen in der Sekundarstufe I (Klasse 7 – 10) geben. Dies trifft insbesondere das Gymnasium, das seine besondere Stellung nicht nur der großen Nachfrage verdankt, sondern vielen schulrechtlichen und schulpolitischen Vorrechten, die in keiner Weise gerechtfertigt sind.“

„Schulrechtliche Gleichstellung heißt für uns: Alle Schulen sind gleichberechtigt und in ihrer Grundausstattung gleich. Überkommene Privilegien wie unterschiedliche Stundendeputate der Lehrer/-innen, Probehalbjahr, Abschulung, Sitzenbleiben u.a. werden abgeschafft. Das Gymnasium wird in dem Reformprozess eingebunden und in der bisherigen Form nicht mehr fortbestehen. Die Unterschiede zwischen den Schulen werden so in Zukunft nicht durch die Schulart definiert, sondern durch die Schulprofile.

Weitere Bausteine des BündnisGrünen Beschlusses

„Die soziale Ausgrenzung in unserem Bildungssystem ist daher eines der größten Gerechtigkeitsprobleme. Das Recht auf gute Bildung muss für alle durchgesetzt werden, flächendeckend, nicht nur in einzelnen Modell- oder Leuchtturmschulen, mit denen sich die rot-rote Koalition schmückt, um so von größeren Problemen abzulenken.

Unsere grüne Antwort lautet: Wir wollen ein Bildungssystem in Berlin, dessen Kernstück Schulen für alle nach skandinavischem Vorbild sind. Gemeinsames Lernen und gleichzeitig individuelle Förderung sind der Weg zu Bildungsgerechtigkeit durch Bildungsqualität. Alle Untersuchungen und praktische Erfahrungen zeigen: Die besten Bildungserfolge für jedes einzelne Kind werden erzielt, wenn Kinder in all ihrer Unterschiedlichkeit, mit all ihren Stärken und all ihren Schwächen, mit all ihrer Neugier gemeinsam lernen und dabei eine umfassende individuelle Förderung erfahren.

Wir finden es unverantwortlich, alle Beteiligten weiter auf die grundlegende Reform warten zu lassen. Die Veränderung der Berliner Schulen muss jetzt beginnen – und zwar umfassend. Dazu gehören vor allem Veränderungen im rechtlichen Rahmen, eine veränderte Lehrerbildung und eine bessere Zusammenarbeit und Mitwirkung von allen an Bildungsprozessen Beteiligten: Eltern, Schule, SchülerInnen, Kitas und andere Bildungsinstitutionen.

Eine Schule für alle – von der Grundschule bis zum Abitur, eine Schule, in der die Lernschwachen und die Lernstarken gemeinsam gefordert und gefördert werden, das ist unser Ziel – eine Schule, die fest eingebunden ist in ihrem Stadtteil, als Ort des Lernens, als Ort des Austausches, als Ort der Kultur, eine Schule, auf der die Kinder bleiben, auch wenn sie Schwächen haben, eine Schule, die alle voranbringt, statt zu selektieren.“

„Wer jetzt nicht entschlossen den bisherigen HauptschülerInnen eine Perspektive bietet, wird weitere Generationen von SchülerInnen ihrer Zukunftschancen berauben. Bildungspolitische Inseln, die nur einigen wenigen neue Chancen bieten und eher der Befriedigung parteipolitischer Profilierungen dienen, sind keine Lösung.“

Unser Ziel für Berlin steht fest: Schulen für alle nach skandinavischem Vorbild, die niemanden ausgrenzen. Dafür wollen wir Bündnisgrüne jetzt die Rahmenbedingungen schaffen:

  • Kein Abstufen, kein Abschieben, keine Bildungsgangempfehlung, keine äußere Fachleistungsdifferenzierung mehr: Mit der Abschaffung von Sitzenbleiben und Probehalbjahr gilt, dass die Schule sich auf die SchülerInnen einstellen muss – und nicht mehr die SchülerInnen auf die richtige Schulform sortiert werden. Wenn alle Schulen trotz unterschiedlicher Profile und Schwerpunkte grundsätzlich Schulen für alle sind, sind Bildungsgangempfehlung, Sitzenbleiben und Probehalbjahr überflüssig.
  • Rechtliche Gleichstellung innerhalb der Schulstufen herstellen: Bislang gelten für die unterschiedlichen Schularten in den jeweiligen Schulstufen unterschiedliche Regelungen, von der Ausstattung bis zur Besoldung. Innerhalb der jeweiligen Schulstufen sollen alle Schulen die gleichen Bedingungen und Ausstattungen haben, um den SchülerInnen die bestmögliche Bildung zukommen zu lassen.
  • Lehramtsausbildung grundlegend reformieren: Damit LehrerInnen die Anforderungen der künftigen Gemeinschaftsschule erfüllen können, brauchen sie das nötige Rüstzeug. Eine Differenzierung in Lehramtsstudiengänge nach Schularten ist mit der Auflösung der Schularten und der rechtlichen Gleichstellung erst recht überflüssig. Die LehrerInnen der Zukunft sind Lernbegleiter und als solche für die Vermittlung von Wissensinhalten und der Schaffung guter Lernbedingungen zuständig. Das setzt breite fachlichinhaltliche sowie pädagogische, didaktische und psychologische Kenntnisse voraus. Individuelle
    Förderung und Diagnosefähigkeiten sind fester Bestandteil ihrer Qualifikation. Verpflichtende Fort- und Weiterbildung sowie die Verzahnung von Studium, Referendariat und Berufseinstieg sind notwendig.
  • Schulen besser und anders mit Personal ausstatten: Gute Schule gelingt nur, wenn Lehrerinnen und Lehrer genügend Zeit und Kapazität haben, sich um alle Schüler individuell zu kümmern. Dies ist bei den momentanen Klassenstärken auch für die besten Lehrer nicht zu schaffen. Wir wollen daher den Schulen ausreichend Personalkapazitäten zur Verfügung stellen.
  • Neue Arbeitszeitmodelle für die neue Schule: Ein Arbeitszeitmodell, das an realen Arbeitszeiten und nicht allein an Unterrichtsstunden orientiert ist, ist längst überfällig. Und unsere Vorstellung von Präsenz vor Ort, wie sie in einer ganztägig arbeitenden Schule notwendig ist, ist nur umzusetzen, wenn die Ausstattung der Schulen so ist, dass sie Arbeitsplätze und Räume für die in ihnen Tätigen bereitstellen.

Die neue Gemeinschaftsschule für Alle soll den jetzigen Schulen darin vorangehen,

  • dass die Unterrichtsinhalte möglichst ausgewogen die handwerklichen, musischen und kognitiven Fähigkeiten des Einzelnen entwickeln und fördern
  • dass die Unterrichtsformen partnerschaftliche und kooperative Kompetenzen einüben: Schüler lernen von Schülern (Konzept ‚Lernen durch Lehren’), die jeweils Älteren helfen den Jüngeren, die Schnelleren unterstützen die Langsameren,
  • dass die Unterrichtsräume sich als Lerncampus zur Lebens- und Arbeitswelt außerhalb der Schule öffnen und erweitern. Lokale Betriebe, Sportvereine, Sozialeinrichtungen, Musikschulen, Theater etc. werden zunehmend in Lernprojekte und Praktika eingebunden.

Entwicklung der „kleinen“ Gemeinschaftsschule von Anfang an

„Die 6-jährige Grundschule, also die kleine Gemeinschaftsschule, muss in Berlin gestärkt werden, sonst wird jede weitere Reform obsolet.“ … „Außerdem sollen Grundschulen ermuntert werden, ihr pädagogisches Konzept bis zur 10. Klasse ausbauen, so dass alle SchülerInnen der 6. Klasse ohne Auswahl in die 7. Klasse der Schule übergehen können. So kann sich eine Gemeinschaftsschule von unten entwickeln.“

Print Friendly, PDF & Email