Unsere Gesellschaft und ihr Arbeitsverständnis hat sich in den letzten Jahren radikal geändert. Nicht zuletzt durch das Internet und die Veränderungen, die damit einhergehen, entwickeln wir uns mehr und mehr zu einer gehetzten Nation voll von burn out und midlifecrisis, in der alles andauernd in Bewegung sein muss, aktiv, nie ruhend und immer und überall erreichbar.

Die jüngste Debatte um die Ladenöffnungszeiten der Berliner Geschäfte scheint demselben Muster nachzueifern: Wenn ich etwas haben will, muss ich es kriegen, immer und überall. Auch Sonntags. Die logische Konsequenz: Butter und Käse muss man auch weiterhin kaufen können und zwar genau dann, wenn es gerade nötig ist. Und so leicht ist ein alt bewährter Grundsatz, der „heilige“ Sonntag, abgetan. Dabei stammte diese Regelung nicht von ungefähr. Zwar ist sie im historischen Kontext religiös begründet und dieshingehend heute nicht mehr in der Form legitimiert, dennoch aber hat der freie Sonntag eine Funktion fernab von religiösen Bedeutungen:

An einem Tag in der Woche zumindest die Möglichkeit für die Regenerierung vom anstrengenden und hektischen Berliner Alltag zu lassen, ist sinnvoll und notwendig: Statistiken bestätigen immer wieder, dass zu viel Stress krank macht. Auch wenn am Sonntag durchaus ebenfalls zu Hause gearbeitet werden kann, ist es wichtig einen Tag von dem gewöhnlichen Alltagsstress abzukoppeln und ihm eine Sonderbedeutung einzuräumen. Dass das für alle derselbe Tag sein sollte, liegt auch an dem positiven Gruppeneffekt, der dadurch entsteht: Wenn (fast) alle nicht arbeiten, kann auch jede und jeder Einzelne entspannt anderen Aktivitäten nachgehen, noch dazu kann dies auch als Tag für gesellschaftliche Teilhabe, für Freunde und Familie gesehen werden.

Für diejenigen, die am Sonntag in den Geschäften arbeiten müssten, fiele dieser gesellschaftlich notwendige Gemeinschafts- und Regenerierungseffekt selbstverständlich weg. Jüngst veröffentlichte Statistiken der EU bestätigen sogar, dass verschiedene Folgen- von einer erhöhten Krankheitsrate bis hin zu nachweisbar kürzerer Verweildauer im jeweiligen Betrieb- für die Sonntags -ArbeiterInnen deutlich messbar sind. Noch dazu sind es meist Frauen oder Aushilfskräfte, die die Sonntags-Schichten übernehmen müssen- eine Ungerechtigkeit, die die bereits bestehenden Ungleichheiten im Arbeitsbetrieb nur verstärkt.

Doch auch für die anderen, für die auf den ersten Blick durch die bloße Öffnung des Geschäftes kein Nachteil entsteht, sollte nicht vergessen werden, dass bereits an diesem Punkt die Abkopplung diese freien Tages von dem sonstigen Alltagsgeschehen nicht mehr konsequent gewährleistet ist. Sicherlich- die Welt bleibt auch sonst Sonntags nicht stehen, allein das Internet ist dafür der beste Beweis: Unsere Gesellschaft hat sich dieshingehend verändert. Dennoch muss die Frage beantwortet werden, in welchem Maße diese Veränderungen für alle gerecht und sinnvoll für unsere Gesellschaft sind. Und in wie weit und mit welchen Konsequenzen diese Veränderungen vermindert werden können und sollen, wenn sie eindeutig schaden.

In diesem Fall ist es ganz einfach zumindest eine sinnvolle Regelung aufrechtzuerhalten: Keine Ladenöffnung am Sonntag, und konsequent auch keine Sondergenehmigungen. Denn irgendwann muss auch mal Schluss sein.

von Julia Rothenburg und Stefan Ziller

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