Kassenpatienten in Deutschland warten in der Regel drei Mal so lange auf einen Termin bei einem Facharzt wie Privatversicherte. Das geht aus einer gestern veröffentlichten Studie der Universität Köln hervor. Die Ursache der Ungleichbehandlung ist für die Autoren der Studie klar: Ärzte verdienen mit der Behandlung von Privatpatienten deutlich mehr Geld.

Die Studie des Instituts für Gesundheitsökonomie belegt unterschiedliche Wartezeiten. „Wir können erstmals wissenschaftlich zeigen, was bisher nur vermutet werden konnte, von Ärzteseite aber abgestritten wird: dass Kassenpatienten sich bei der Terminvergabe in Facharztpraxen hinten anstellen müssen“, sagte der kommissarische Leiter des Instituts, Markus Lüngen, dem Kölner Stadt-Anzeiger.

Die Kölner Wissenschaftler baten für ihre Studie bei 189 Facharzt-Praxen im Raum Köln, Bonn und Leverkusen um Termine für verschiedene Untersuchungen. Dabei gaben sie sich mal als Kassen-, mal als Privatpatient aus. Das Ergebnis: Privatpatienten wurden eindeutig bevorzugt. So wurde eine Magenspiegelung bei Privatversicherten nach 11,9 Arbeitstagen vorgenommen. Gesetzlich Versicherte warteten 36,7 Tage. In Berlin müssen Kassenpatienten ebenfalls oft länger auf Facharzt-Termine warten als Privatversicherte. „Das ist ein sehr großes Problem“, bestätigte gestern die Patientenbeauftragte des Senats, Karin Stötzner. „Viele Kassenpatienten beschweren sich.“ Auffällig seien etwa Wartezeiten bei Augenärzten, Orthopäden und Neurologen. Unterschiede gebe es auch in einzelnen Stadtgebieten.

Wegen der hohen Arztdichte im Westteil sei es leichter einen Termin zu bekommen als in Bezirken wie Marzahn-Hellersdorf oder Lichtenberg, sagte Stötzner. Der Sprecher der Berliner Ärztekammer Sascha Rudat sagte, die Arztpraxen seien auf die höheren Einnahmen aus der Behandlung von Privatpatienten angewiesen. „Viele Praxen wären sonst wirtschaftlich nicht zu halten“, weil die Budgets der Kassen nicht ausreichten. Auch die Bundesärztekammer räumte die Terminverzögerungen für gesetzlich Versicherte ein. Oft seien die Budgets vor Quartalsende ausgeschöpft, sagte Kammerpräsident Jörg-Dietrich Hoppe. Die längeren Wartezeiten für Kassenpatienten seien mithin Folge staatlich vorgegebener Unterfinanzierung. Der stellvertretende Unions-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Zöller (CSU) erklärte die unterschiedlichen Wartezeiten ebenfalls mit der Honorar-Budgetierung. „Es wäre sogar dumm von den Ärzten und unverantwortlich gegenüber ihren Mitarbeitern, wenn sie Patienten behandeln, für die sie kein Geld bekommen, weil das Budget für ein Quartal aufgebraucht ist“, sagte Zöller der Berliner Zeitung. Sobald 2009 die Budgetierung aufgehoben sei, könne es eine solche Unterscheidung nicht mehr geben. „Dann haben die Ärzte keine Begründung mehr.“

Das Bundesgesundheitsministerium verwies auf die Verantwortung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Es sei deren Aufgabe, eine reibungslose Versorgung zu sichern, sagte eine Sprecherin. Krankenkassen empfahlen den gesetzlich Versicherten, sich bei Problemen wegen notwendiger Facharzttermine direkt an die Krankenkasse zu wenden.

aus der Berliner Zeitung, 02.04.2008, http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/print/politik/737395.html
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