Die Bundestagswahl liegt einige Wochen zurück und die neue Regierung hat sich gefunden – Zeit Bilanz zu ziehen. Auch ich halte die Bundestagswahl für eine Zäsur für die Partei Bündnis 90/Die Grünen. Seit der Wahl fand ein Bundesparteitag statt, wurde eine neue Fraktionsspitze sowie eine neue Parteispitze gewählt und wurde nebenbei noch ein Europawahlprogrammentwurf vorgelegt. Aus meiner Sicht wurden viele (Personal-)Entscheidungen zu früh und ausschließlich aufgrund (vor der Wahl) getroffener Absprachen gefällt. Unsere Mediendemokratie hat es (offenbar) nicht ermöglicht uns ein wenig mehr Zeit zur Debatte zu nehmen. Das ist bedauerlich – denn so ganz einfach wird die zukünftige Rolle der Grünen wohl nicht.

Rückblick: konstruktiv-kritisch.

Grob zusammengefasst möchte ich die Rolle der GRÜNEN in den letzten Jahren als konstruktiv-kritisch bezeichnen. Wir haben zur Bundestagswahl 2013 das (von vielen anerkannt) konkreteste und umsetzbarste Wahlprogramm (aller Zeiten) gehabt. Unseren Führungspersönlichkeiten wurde zugeschrieben dass sie Regierungsaufgaben in einer konstruktiven Weise erfüllen können (bspw. Jürgen Trittin als Mr. Energiewende, aber viele mehr). Wir hatten für (fast) alle Probleme eine GRÜNE Antwort. Diese wurden in den vergangenen Jahren immer weiter entwickelt. Das Wahlergebnis hat gezeigt, dass uns viele Menschen zwar zugestanden haben viele richtige Antworten auf aktuelle Herausforderungen zu haben. Offenbar hat es aber auch genervt (und ins grüne Bild gepasst), dass wir damit quasi alles besser wussten. Wir haben damit ein (Gesamt)bild erzeugt, dass weder GRÜN noch EMANZIPATORISCH ist. Dazu haben wir uns der (früheren) Kreativität und Radikalität beraubt, in dem wir all unsere kritischen Politikvorschläge auf den (Realisierungs-)Zeitraum von 5 Jahren begrenzt haben.

Warum war konstruktiv-kritisch richtig?

Bündnis 90/Die Grünen haben die Gesellschaft gewaltig verändert (Gesellschaftspolitik, Atomausstieg, Frauenrechte, Umweltschutz). Dies wurde erreicht in dem visionäre Vorschläge in die gesellschaftliche Debatte gebracht wurden. In den letzten Jahren haben wir GRÜNEN viel Kompetenzen erworben und gezeigt diese visionären Vorschläge mit umsetzbaren Wegen dorthin zu untermauern. Dabei wurde (insbesondere in zeitlicher Hinsicht) der ein oder andere Kompromiss gefunden, um politische Mehrheiten zu sichern (Atomausstieg).

Zeit der Entscheidungen: unbequem oder überflüssig

In den nächsten Jahren wird sich entscheiden in welche Richtung die GRÜNEN gehen wollen. Ich sehe insbesondere zwei Wege. Der erste ist der Bequeme. Weiter konstruktiv an der Umsetzung der bestehenden Konzepte arbeiten. Dazu können wechselnde Mehrheiten nötig sein – je nach dem mit wem „mehr GRÜNE Politik“ umsetzbar erscheint. Stück für Stück wird dabei aus aus dem Motto „die Welt zu verändern“ das Motto „die Welt im Rahmen der Möglichkeiten etwas GRÜNER zu gestalten“. An diesem Weg ist nichts falsch. Er ist aber aus meiner Sicht MUTLOS und verhindert die Existenznotwendigkeit von Bündnis 90/Die Grünen zu erneuern.

Der zweite Weg – für den ich ausdrücklich werbe – ist unbequem. Ihm liegt die Erkenntnis zu Grunde, dass die Zukunft eben nicht so klar ist und dass nicht auf alle Fragen GRÜNE Antworten existieren. Viele Menschen haben den Glauben daran verloren, dass Ihr Einfluss / Ihr Engagement etwas zu besseren verändert. „Während Wohlhabende die Demokratie mitgestalten, koppeln sich die Ärmeren zunehmend ab“ (aus SPON: Deutschland, die Zwei-Klassen-Demokratie). Diese Menschen zu überzeugen gelingt nicht mit den besseren Detailkonzepten (die wir GRÜNEN im Wahlprogramm hatten). Bereits der Hamburger Volksentscheid zur Schulpolitik war ein Indiz in diese Richtung,

Auch die Debatte um Europa offenbart die Herausforderung. Ich würde sie zum Einen mit ängstlich oder mutlos bezeichnen zum Anderen mit hoffnungslos. Klar ist, dass zuletzt die Wirtschafts- und
Finanzkrise deutliche Konstruktionsfehler und gefährliche Risse im Fundament der Europäischen Union gezeigt hat. Diese rufen nationale Fliehkräfte hervor und statt der Suche nach gemeinsamen Antworten droht ein Rückzug in die nationalen Grenzen. Eine überzeugende GRÜNE Antwort darauf kann aus meiner Sicht NICHT im „Rahmen der Möglichkeiten“ gefunden werden. Eine Antwort erfordert einen (großen) Schritt ins Ungewisse. Warum nicht mal über die Überwindung / Abschaffung der Nationalstaaten diskutieren. Sicher ist das heute ein wenig Visionär. Aber wenn wir die Probleme Europas der letzten Jahre anschauen, ist oft das Prinzip der Nationalstaatlichen Egoismen eine wesentliche Ursache. Es ist zu klein gedacht, das immer an Personen (Merkel) festzumachen.

Drei Visionen für eine GRÜNERE Welt

Was würde ich mit wünschen? Ganz im Sinne der Rede von Winfried Kretschmann auf der BDK in Berlin: mehr Mut und Vertrauen (in die Menschen)! Dazu drei Visionen von denen wir die Menschen (in Europa und darüber hinaus) in den kommenden 10 Jahren überzeugen. Und zwar OHNE bereits jeden Schritt auf dem Weg dorthin zu kennen. Um abschließend nochmal konstruktiv-kritisch zu sein, hier meine Vorschläge:

1.) Teilhabe für ALLE sichern und materielle Armut und soziale Stigmatisierung bekämpfen! Das ich dabei an das bedingungslose Grundeinkommen als ein zentraler Baustein denke, ist vermutlich vielen klar. Aber das ganze GLOBAL denken (Stichwort: Milleniumsziele)! Das ist die GRÜNE Herausforderung.

2.) Digitale Bürger*innenrechte neu gestalten. Eine der größten Herausforderungen ist die digitale Spaltung der Gesellschaft. Nur noch ein kleiner Teil ist in der Lage zu verstehen, welche Folgen die NSA-Überwachung hat. Mit der Kernschmelze des Rechtsstaates hat Jan-Philipp Albrecht die richtigen Worte gefunden. Auch dies ist eine Aufgabe, deren Lösung die Grenzen des nationalstaatlichen Denkens zu überwinden erfordert.

3.) Umwelt-, Natur- und Klimaschutz endlich wieder ernst nehmen. Zur Begründung sollen die Stichworte Biodiversität, Gentechnik, Giftstoffe in der Nahrungskette sowie Klimawandel genügen. In Zeiten der globalen Konzerne (Agrochemie / Energie) wird auch hier das Denken in größeren Zusammenhängen nötig sein. Und ganz ohne Verbot oder starkem Anreiz (Veggiday) wird das Ziel sicher nicht (rechtzeitig) erreicht.

Alle 3 Punkte sind verbal (nahezu) Konsens in der GRÜNEN Partei. Was fehlt, sind mutige und visionäre Schritte die Ziele auch zu erreichen. Daran wird sich (aus meiner Sicht) messen, ob eine GRÜNE Partei eine weitere Existenzberechtigung hat. Ich meine wir brauchen so etwas wie einen neuen globalen Gesellschaftsvertrag!

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